Satzung - Anhang 2

Erläuterungen zu §3 und §4

Ehrfurcht vor dem Leben

Wir haben unsere Wege und Ziele mit dem Leitgedanken der „Ehrfurcht vor dem Leben“ überschrieben. Dies zeigt, wie zentral dieses ethische Grundprinzip ist. Unsere weiteren Ziele ergeben sich als Folgerungen aus diesem Leitgedanken.

Welches Anliegen verbinden wir mit dem Gedanken der Ehrfurcht vor dem Leben? – Albert Schweitzer prägte am Anfang des 20. Jahrhunderts diesen Begriff, nachdem er jahrelang einer Frage nachgegangen war: «Was ist das gemeinsam Gute an dem Mannigfaltigen, das wir als gut empfinden? Gibt es einen solchen allgemeinsten Begriff des Guten?» Ausgehend von dem christlichen Gebot der Nächstenliebe fand Schweitzer die Antwort auf diese Fragen in der Ehrfurcht vor dem Leben als Grundprinzip unseres Denkens und Handelns. Das Verständnis für diesen Begriff kann sich allerdings nach Schweitzer nur auf der Basis der Empfindung entwickeln: «Ehrfurcht muss mit dem Herzen begriffen werden.»

Ehrfurcht ist mehr als Respekt, Achtung, Bewunderung. Sie entsteht aus gesammelter Aufmerksamkeit, aus der Fähigkeit und Bereitschaft, sich ergreifen zu lassen von der Einsicht, «dass das eigene Sein unlösbar eingefügt ist in eine umfassende Ordnung» (Schweitzer). Aus dieser Haltung heraus wird der Schutz allen Lebens zur inneren Konsequenz. So fordert die Ehrfurcht vor dem Leben von uns ständiges Bemühen um die Bewahrung der Natur, um Gerechtigkeit und Solidarität gegenüber unseren Mitmenschen und um ein friedliches und wahrhaftiges Miteinander. Sie erweist sich somit als ein Schlüsselgedanken unserer Zeit.

Ehrfurcht vor dem Leben bewahrt uns nicht vor Konfliktsituationen, in denen wir damit konfrontiert werden, Leben vernichten zu müssen. Sie verlangt aber einen Bewusstseinsprozess, der das ständige Abwägen und Überprüfen des menschlichen Handelns auf seine Folgen hin beinhaltet: «Wer sich von der Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben leiten lässt, schädigt und vernichtet Leben nur aus Notwendigkeit, der er nicht entrinnen kann, niemals aus Gedankenlosigkeit.» (Albert Schweitzer)

Alle weiteren Zielsetzungen sind Konsequenzen aus diesem Leitgedanken, und sie zeigen Möglichkeiten und Wege auf, in die Haltung der Ehrfurcht vor dem Leben hineinzuwachsen.

Verantwortungsbewusster Umgang mit allem Lebendigen

Das Ziel, aus der Ehrfurcht vor dem Leben eine Art Handlungsmaxime abzuleiten, kann im „verantwortungsbewussten Umgang mit allem Lebendigen“ verwirklicht werden.

Verantwortungsbewusster Umgang verlangt im ersten Schritt einen Bewusstseinsprozess: Die Erkenntnis der eigenen Verantwortung gegenüber meiner Umwelt, in der ich mich als Teil eines Gesamtorganismus verstehe. Dazu zählen die Einschätzung meines Wirkungskreises sowie die Berücksichtigung der Folgen meines Verhaltens bei Mitmensch, Tier und Pflanze.

Als Konsequenz aus der Ehrfurcht vor dem Leben steht diese Erkenntnis nicht für ein ausschließlich rationales Verantwortungsbewusstsein, sondern auch für eine innere, emotional getragene Verbundenheit mit allem Lebendigen, die die Übernahme von Verantwortung als unverzichtbar erscheinen lässt. So wichtig die Erkenntnis der Verantwortung ist, ohne die Konsequenz des Handelns bleibt sie unwirksam. Die Unverhältnismäßigkeit zwischen Erkennen und Handeln ist eines unserer klassischen Zeitphänomene.

Verantwortungsbewusstes Handeln beginnt im privaten, mitmenschlichen Kreis, im Umgang mit Familie und Freunden. Nicht nur das Abwägen der gegenseitigen Bedürfnisse und Ansprüche ist dort von Wichtigkeit, sondern auch Hilfsbereitschaft und der Schutz derjenigen, die sich wie etwa Pflanzen und Tiere nicht artikulieren können, oder die wie Kinder noch zu schwach sind, ihre eigenen Interessen zu vertreten.

Weiterhin lässt sich das Verantwortungsbewusstsein aus dem persönlichen in den gesellschaftlichen Wirkungskreis erweitern. Während im Familien- und Freundeskreis die Folgen des Handelns noch weitgehend abschätzbar sind, übersteigen die Dimensionen gesellschaftlich relevanter Entscheidungen, die es zu verantworten gilt, häufig die Möglichkeiten einer einzelnen Person. Dem umweltbewussten Verbraucher beispielsweise wird bei der Auswahl zwischen ähnlichen Produkten ein detailliertes Wissen über die jeweilige Herstellung abverlangt, soll er sich im Sinne seiner Interessen entscheiden. Doch andererseits ist gerade hier die Fähigkeit zum verantwortungsvollen Handeln Bedingung, wenn der Verbraucher Einfluss auf eine umweltgerechte Herstellung nehmen will.

So ist es notwendig, die Anstrengung des verantwortungsbewussten Handelns als Chance auf sich zu nehmen, nach Lösungsmöglichkeiten im Kleinen zu suchen und sie zu verwirklichen; gleichsam Keime zu setzen, die Wurzeln schlagen, wachsen und sich ausbreiten können. Dieses aktive Einbringen verlangt Mut, Zuversicht und Zivilcourage sowie die Fähigkeit, Verantwortung tragen zu können, ist gleichzeitig aber auch Hilfe, damit wir als Einzelne angesichts der großen Komplexität solcher Themen und Probleme nicht wie gelähmt zu sein brauchen.

Wir sehen unseren Jugendbund hier als Rahmen, in dem in lebendiger Gemeinschaft Verantwortungsbewusstsein und Tatkraft sich ausbilden und wirksam werden können.

Toleranz und Friedensliebe

Die Frage nach der Toleranz stellt sich, wo Gegensätze zwischen Menschen aufgrund unterschiedlicher Verhaltensweisen auftreten. Gegenseitige Toleranz schafft den Raum, Konflikte auf Menschenwürdige Weise auszutragen oder gegensätzliche Lebenshaltungen zu dulden. Hier erweisen sich Freiheit und Frieden als unabdingbare Voraussetzungen und Eckpunkte für ein tolerantes Miteinander.

Freiheit darf nicht mit Schrankenlosigkeit oder Willkür verwechselt werden und ist auch mehr als ein reines „Frei-Sein von etwas“. Vielmehr wird das „Frei-Sein zu etwas“ zur zentralen Aufgabe jedes Menschen, die ernsthaft wahrgenommen beim Erfahren der eigenen Freiheitsgrenzen immer auch die Entfaltungsspielräume von Mitmenschen und Umwelt einbezieht. Das erfordert allerdings auch ein Nachdenken über die Grenzen von Toleranz, wenn z.B. eigene Überzeugungen in nicht duldbarem Maße unterdrückt werden.

Neben einem von Freiheit geprägten Umfeld setzt Toleranz auch den Willen zur Friedfertigkeit voraus. Dieser bildet die ethisch-moralische Motivation, sich immer aufs neue um einen gesellschaftlichen Rahmen zu bemühen, in dem Raum ist für Konflikte, und wo der Umgang mit ihnen erlernt werden kann: Jeder Form von psychischer und physischer Gewaltanwendung muss durch ernsthafte Diskussion oder andere Ausdrucks- und Kommunikationsformen begegnet werden.

Solche Arten der Konfliktbewältigung und Konfliktvorbeugung werden noch nicht ausreichend praktiziert, und die Folgen treten sowohl im privaten Umfeld als auch bei nationalen und internationalen Auseinandersetzungen fatal vor Augen. Daher sind Toleranz und Friedensliebe Gebote unserer Zeit.

Unser Jugendbund sieht sich in der Verantwortung, sie im Rahmen der hier geschaffenen Gemeinschaft zu verwirklichen, um die Erfahrungen und Ergebnisse auch in die Gesellschaft weitertragen zu können.

Gemeinschaft junger Menschen, die die Entwicklung der Persönlichkeit fördert

Wir bewegen uns grundsätzlich im Spannungsfeld zwischen Individualität und Gemeinschaft. Jeder Mensch strebt bewusst oder unbewusst danach, auf der Grundlage tragfähiger menschlicher Beziehungen seine eigene Persönlichkeit zu finden und zu leben. Die Gemeinschaft bildet für den einzelnen die Voraussetzung, individuelle Fähigkeiten zu erkennen und auszubilden und seine Gaben als Aufgaben wahrnehmen zu können.

Der gesellschaftliche Rahmen dafür ist heute durch einen Zwiespalt geprägt: Einerseits gab es noch nie so viele Menschen auf der Welt und noch nie waren diese Menschen so sehr mittels moderner Kommunikationsmittel verbunden wie in der heutigen Zeit. Andererseits erleben wir eine Entwicklung, in der immer mehr Menschen vereinsamen, sich keiner menschlichen Gemeinschaft – sei es Familie, Freundeskreis, Verein oder Gemeinde – zugehörig fühlen.

Nicht nur viele alte und kranke Menschen sehen sich in unserer Gesellschaft zunehmend isoliert, auch junge Menschen – oftmals ausgebrochen aus sich auflösenden Familienstrukturen, oft auch enttäuscht vom Unverständnis anderer für ihren Lebensweg – fühlen sich allein gelassen.

Die deutsche reform-jugend e.V. will diesen Entwicklungen eine Gemeinschaft entgegensetzen, die von Toleranz und menschlicher Wärme getragen wird. In dieser Atmosphäre können Kinder und Jugendliche Geborgenheit finden und untereinander Vertrauen entwickeln.

Gemeinsame Naturerlebnisse, Gedankenaustausch in Diskussion und Gesprächen sowie musisch-kreatives Erleben bilden die wesentlichen Stützen unserer Gemeinschaft, die durch Begeisterung und Verbundenheit getragen wird und in der sich der einzelne Mensch wohlfühlen kann.

Das setzt voraus, dass alle ihre persönlichen Interessen mit denen der anderen in Einklang bringen, aber nicht indem sie ihre eigenen Wünsche völlig für die Gruppe aufgeben oder ihre grundlegenden Interessen nicht mehr wahrnehmen.

Unsere Gemeinschaft lebt in ihrem Bemühen um Ideale wie die Ehrfurcht vor dem Leben, die Nächstenliebe und Menschlichkeit davon, dass wir uns soziale Fähigkeiten des mitmenschlichen Umgangs aneignen, und uns als Individuen wahrnehmen, um ein eigenes, gesundes Selbstbewusstsein zu entwickeln.

Naturerfahrung auf Lager und Fahrt

Wir brauchen die Natur. „Der Mensch ist so geschaffen, dass er abhängig ist von Duft, Ton, Farbe, Form, dass der Umgang mit dem Sternenhimmel, mit den Jahreszeiten in der Natur, mit allem, was lebt und ist, zum normalen Umschwung seines Lebens gehört. Wo diese Beziehungen – zum Beispiel nur schon die Beziehung zu Tag und Nacht, zu Sonne, Mond und Sternen – für den heutigen Menschen belanglos geworden sind, da hat er gleichzeitig ein Stück seines Menschseins preisgegeben und den Zusammenhang seiner eigenen Person verloren.“*

Wir sind eingebunden in natürliche Abläufe und versuchen, sie in Tages- und Jahreszeiten sowie in der gesamten Vielfalt der Pflanzen- und Tierwelt mit all unseren Sinnen wahrzunehmen.

Faszinierende Berglandschaften der Alpen oder einsame Hochmoorgebiete im Schwarzwald etwa können uns die Natur und ihre Schönheit im wahrsten Sinne des Wortes nahe bringen, – und: Es gelingt uns dabei, die Naturentfremdung, die wir alle in uns tragen, ein Stück weit zu überwinden. Wenn wir in diesen oft noch weitgehend unberührten Landschaften wandern und zelten, Kajak- oder Fahrrad fahren, so sind wir uns der damit verbundenen Problematik bewusst. Wir versuchen deshalb, bei diesen Unternehmungen die Umwelt möglichst wenig zu belasten.

Die Naturentfremdung führt dazu, dass wir täglich von Umweltzerstörung hören und lesen und dennoch wenig dagegen unternehmen. Es muss uns gelingen, zu Wasser und Luft, zu Bäumen und bedrohten Vogelarten – um nur wenige Beispiele zu nennen – wieder eine Beziehung zu gewinnen und alles, was wir als „Natur“ bezeichnen, als liebens- und schützenswert zu begreifen. Nur so lässt sich die Haltung der Ehrfurcht vor dem Leben verwirklichen. Diese wiederum ist Voraussetzung dafür, dass wir mit vollem Einsatz für die Erhaltung unserer natürlichen Lebensgrundlagen tätig werden.

Ein weiterer Gedanke veranlasst uns, Naturerfahrung als ein zentrales Anliegen unserer Jugendarbeit zu sehen: Erlebnisse in freier Natur – sei es der anstrengende Aufstieg bei einer Skitour, das Überqueren eines Gebirgsflusses mit Rucksack und Gitarre oder auch der abendliche Aufbau einer Kohte bei Regen und Kälte – sind nicht selten mit Grenzerfahrungen verbunden, die andere, möglicherweise verhängnisvolle Grenzerfahrungen im Leben Jugendlicher überflüssig machen können. So kann sich die Naturerfahrung auf Lager und Fahrt zu intensiver Gemeinschafts- und Selbsterkenntnis erweitern, die kräftigend und motivierend auch in die Gestaltung des Alltags hineinwirkt.

Geistige Auseinandersetzung in Seminar und Gesprächskreis

Ein weiteres Anliegen unserer Gemeinschaft ist die geistige Auseinandersetzung. Unsere Themen werden nicht von außen vorgegeben, sondern entwickeln sich aus dem Gemeinschaftsinteresse heraus. Zum großen Spektrum bei uns erörterter und diskutierter Themen gehören solche, die unseren Jugendbund besonders prägen: Fragen der Lebens- und Freizeitgestaltung, pädagogische Angelegenheiten, und weitere Themen, die sich aus unseren Wegen und Zielen ergeben.

Wir bemühen uns um einen konstruktiven Dialog zwischen verschiedenen Ansichten, der anregt zum Weiterdenken. Offenheit und Toleranz gegenüber Andersdenkenden gehören dabei genauso zu der von uns angestrebten “Streitkultur”, wie zuhören zu können und selbstbewusstes Vertreten der eigenen Meinung.

Wir sind uns bewusst, dass wir weitumspannende, komplexe Themen, wie z.B. Ökologie oder Konsumverhalten, nicht erschöpfend behandeln können. Es ist jedoch wichtig, ein Problembewusstsein durch Information und Diskussion zu schaffen, das den Anstoß für konkretes Handeln gibt und somit Kreise vom Einzelnen in die Gesellschaft zieht.

Wir streben eine Behandlung der Themen an, die möglichst viele unserer Sinne mit einschließt. Das Problem des Waldsterbens z.B. wird erst wirklich anschaulich, wenn wir uns die Schäden in betroffenen Wäldern an Ort und Stelle vor Augen führen.

Trotz aller Leidenschaft für das Thema müssen Sachlichkeit und Fairness unsere Gespräche bestimmen. Die Diskussions- und Kritikfähigkeit, das Stehvermögen, unsere Meinung auch gegen Widerstände zu vertreten, sind wesentliche Fähigkeiten, die innerhalb der drj gelernt werden können.

Schöpferische Lebensgestaltung mit Musik und Tanz, Spiel, Sport und künstlerischem Schaffen

Schöpferisches Tun im Sinne von „etwas neu schaffen” oder „Unentdecktes neu entdecken” gehört zu den zentralen Ausdrucksformen menschlichen Lebens. Seit Jahrtausenden drücken Menschen ihre Beziehung zur Schöpfung in kreativem Schaffen aus.

Kindern und Jugendlichen fällt es heute oft schwer, Kreativität und Phantasie zu entfalten. Dies hängt sicherlich mit dem ansteigenden Konsum von Fernsehen, Videos und Computerspielen zusammen. Darüber hinaus geben immer weniger Erwachsene ihren Kindern Raum und Möglichkeit, Kreativität zu entfalten, indem sie sich z.B. Zeit nehmen, mit ihnen zu basteln, zu singen oder zu musizieren. Die im täglichen Leben und in der Schule erfahrene Fülle von Informationen, die Reizüberflutung aus den Massenmedien weisen den Heranwachsenden eine passive Rolle zu, es fehlen ihnen die Möglichkeiten, ihre Wahrnehmungen in schöpferischem Tun zu verarbeiten. So wird der ursprünglich konstruktive Schaffensdrang oft zu destruktiver Aggression.

Wir versuchen diesen Schaffensdrang in positive Bahnen zu lenken, indem wir eine Vielfalt von Möglichkeiten schöpferischer Lebensgestaltung erfahren und ausprobieren. Das Programm unserer Veranstaltungen setzt sich zu einem großen Teil aus kreativen Elementen zusammen, indem wir gemeinsam singen, tanzen, spielen und Sport treiben oder in Kleingruppen töpfern, schnitzen, zeichnen, malen, eigene Zeitungen erstellen oder selber Gedichte schreiben.

Bei all diesen Tätigkeiten entdecken wir Fähigkeiten und Neigungen, die dann oft nach drj-Treffen weiterentwickelt werden. So trägt Kreativität nicht nur zum Entstehen einer lebendigen, schöpferischen Gemeinschaft bei, sondern hilft darüber hinaus auch jedem Einzelnen, Orientierung und Selbstvertrauen zu finden.

Beispielsweise erleben wir beim Musizieren den Rhythmus, die Melodien, Klänge und Harmonien als Ausdruck eigener Empfindungen. Ähnliches gilt für das Singen und Tanzen in der Gruppe. Auch das Theaterspielen bietet viele Möglichkeiten, sich selbst kennen zu lernen und auszudrücken. In Spiel und Sport lernen wir nicht nur, mit unseren Körperkräften umzugehen oder aufgestaute Aggressionen in spielerische Bewegung umzuwandeln; wichtig sind uns dabei das Erlernen von sozialen Kompetenzen innerhalb einer Gruppe, das Miteinander, die gegenseitige Rücksichtnahme und das Umgehen mit Sieg und Niederlage.

Alle diese Möglichkeiten schöpferischen Tuns tragen maßgeblich zu der Atmosphäre unserer Gemeinschaft bei, in der wir kreativ tätig sind, anstatt zu konsumieren. Wir erkennen im Entdecken und Entwickeln der eigenen Fähigkeiten einen wichtigen Bestandteil einer selbstbestimmten und verantwortungsvollen Lebenshaltung.

Demokratische Ordnung als Grundlage menschlichen Zusammenlebens

Die deutsche reform-jugend e.V. ist ein demokratisch organisierter Jugendbund innerhalb einer Gesellschaft, die die Demokratie als Staatsform gewählt hat. Daraus ergibt sich zweierlei:

Unser Zusammenleben ist von demokratischem Umgang untereinander bestimmt. Das bedeutet, dass wir die individuellen Bedürfnisse und Wünsche zu berücksichtigen versuchen und Zeit, Geduld und gegenseitige Rücksichtnahme beim Finden von Kompromissen aufbringen. Eine Entscheidung im Konsens der Gruppe ziehen wir einer Mehrheitsabstimmung oder Einzelentscheidung der leitenden Person vor.

Die leitenden Ämter in unserem Bund werden in demokratischen Wahlverfahren besetzt. Eine Führungsperson soll ihre Autorität aus Kompetenz und menschlicher Reife herleiten und darf ihre Befugnisse nicht als Freibrief für eigennütziges oder willkürliches Handeln missbrauchen. Ihr Führungsstil muss offen und kooperativ sein.

Das bedeutet, dass die Führungsperson vor allem in der Pflicht steht, gewissenhaft, verantwortungsbewusst und vorausschauend für das Wohl der Gruppe zu handeln, Entscheidungen transparent zu machen und offen für Kritik zu sein. Dazu gehört auch, die Betroffenen in den Entscheidungsprozess einzubeziehen, wo es sachlich möglich und praktisch durchführbar ist.

Die zweite Ebene unseres demokratischen Selbstverständnisses betrifft das Auftreten und die Funktion unseres Jugendbundes in der Gesellschaft. Anders als politische Interessengruppen, Bürgerinitiativen und ähnliche Gruppierungen sehen wir unsere Aufgabe nicht in erster Linie darin, bestimmte Forderungen politisch durchzusetzen und gesellschaftlich zu verbreiten, sondern betreiben Jugendarbeit im Sinne von Menschenbildung: Wir wollen bei jungen Menschen das Empfinden für soziale und ökologische Belange sensibilisieren, waches, kritisches Denken und verantwortungsbewusstes Handeln fördern. Auseinandersetzungen über unterschiedliche Themen in der Gruppe bieten dabei ein ideales Übungsfeld für die Darstellung und Reflexion der eigenen Meinung.

In einem Jugendbund demokratisches Verhalten zu lernen, ist eine der wichtigsten und sinnvollsten Möglichkeiten, antidemokratischen Tendenzen zu begegnen. Intoleranz und Gewaltbereitschaft begegnen wir unter anderem dadurch, dass wir die entsprechenden Themen aufgreifen und kritisch reflektieren. Wir wollen im “ethischen Vakuum” der vorwiegend materialistisch orientierten Gesellschaft Denk- und Lebensweisen entwickeln, die zu einer ganzheitlichen, erfüllten Lebensform befähigen.

Begegnung und Verständigung mit den Menschen anderer Völker

Schon immer trachteten Menschen danach, auf Reisen mit fremden Kulturen in Kontakt zu kommen, und erlebten häufig die Begegnung und die dabei gewonnenen Erfahrungen als Bereicherung. Unsere Zeit hat durch ihre technischen Errungenschaften die Möglichkeiten zur Verständigung mit Menschen anderer Völker wesentlich vereinfacht, durch die wachsenden internationalen Verflechtungen entstehen daraus allerdings auch vielfältige Verpflichtungen.

Durch globale Zusammenhänge werden die ökologischen Probleme eines Landes, beispielsweise die Abholzung der tropischen Regenwälder, auch zu unseren Problemen, die wir als Weltgemeinschaft gemeinsam zu lösen haben. Unterdrückung, Missachtung von Menschenrechten, Armut und Elend in vielen Teilen der Welt sind weitere Bereiche, in denen wir nur durch unser Interesse, durch unseren Einsatz gemeinsam mit den betroffenen Menschen Abhilfe schaffen können.

Doch nicht nur in internationalen Zusammenhängen, auch in unserer unmittelbaren Umgebung findet Begegnung mit Menschen anderer Kulturen statt. Hierbei ist es notwendig, dass wir uns auf ein Kennen lernen anderer Lebensgewohnheiten einlassen, bereit sind, fremden Kulturen mit Offenheit und Interesse zu begegnen und den Dialog mit den Menschen zu suchen. Dies sind Wege, Fremdenhass entgegenzutreten.

Auf Großfahrten versuchen wir in diesem Sinne, nicht nur das Land sondern auch die Menschen, die dort leben, kennen zu lernen. Zudem führen wir mit gleichgesinnten europäischen Jugendlichen Zeltlager und weitere Veranstaltungen durch. Gesprächsgruppen, die oft mehrsprachig geführt werden, gemeinsame Arbeitsgruppen und internationale Lieder und Tänze sind wichtige Bestandteile solcher Jugendbegegnungen.

Auch in der Planung und Gestaltung von unseren Treffen und Lagern sind die Auseinandersetzung mit anderen Kulturen, der Blick für die Situation – insbesondere von Kindern und Jugendlichen – in anderen Ländern und das Miteinbeziehen von ausländischen Jugendlichen in unsere Gemeinschaft wichtige Ziele. Damit wollen wir den Gedanken der „Einen Welt” nicht nur theoretisch begreifen, sondern auch im praktischen Tun mit Leben füllen.

Gesunde und naturgemäße Lebensführung mit vegetarischer Vollwertkost, ohne Alkohol und Nikotin

Gesunde und naturgemäße Lebensführung ist eine Rückbesinnung auf die Grundlagen unseres Lebens und somit auf Regeln, die die Natur uns vorgibt: Hierzu zählen ein bewusster Umgang mit den Lebenselementen Wasser, Luft und Erde, sowie mit uns selbst und unseren Mitmenschen.

Dies wird auf Lager und Fahrt konkret erfahrbar, wo wir auf unseren üblichen Zivilisationskomfort verzichten. Wir streben aber keinen völligen Verzicht auf technische Errungenschaften an, sondern den bewusstem Umgang mit ihnen.

Unsere Grundsätze einer umfassenden gesunden und naturgemäßen Lebensführung sind:

  • bewusster Umgang mit uns selbst;
  • vegetarische und vollwertige Ernährung auch aus ethischer Verantwortung, insbesondere die Verwendung von naturbelassenen Nahrungsmitteln aus biologischem Anbau;
  • Ablehnung aller Drogen und schädlichen Genussmittel, insbesondere von Alkohol und Nikotin;
  • bewusster und kritischer Umgang mit Unterhaltungsmedien;
  • aufrichtiges und tolerantes menschliches Miteinander.

Dadurch versuchen wir die Ehrfurcht vor dem Wert des eigenen Lebens zu wahren und zugleich zur Erhaltung des Lebens anderer – Tiere und Pflanzen eingeschlossen – beizutragen.

Dieses wollen wir im Gespräch und durch Vorleben verständlich und zu einem Anliegen aller machen.

 

*) Adolf Portmann, zitiert nach: Buchwald, Engelhardt; Handbuch für Landschaftspflege und Naturschutz, Band 1 – Grundlagen. BLV München 1976, S. 93f.